Ich weile gerade auf Geschäftsreise in Thüringen. Nach einem Vortrag über Wirtschaftskriminalität, den ich am Samstag im wunderschönen Städtchen Altenburg halten durfte, hat es mich nun nach Nordhausen verschlagen. Das sehr nette Kino gegenüber meines Kunden bot eine gute Gelegenheit, einer Pflichtlektüre nachzukommen: dem Film Der Baader Meinhof Komplex.
Der Film kommt in moderner Retro-Optik daher und beginnt am Anfang der Geschichte - mitten in der Studentenbewegung, vor Ohnesorg, vor der RAF. Die Geschichte reicht von der Entstehung der RAF und den Ereignissen, die ihr zu Grunde lagen, bis zum Tod von Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Andreas Baader. Erzählt wird die Geschichte überwiegend aus der Sicht der Terroristen. Gut gefilmt und überwiegend sehr gut gespielt war ich am Anfang doch recht angetan von der hohen Realitätsnähe und Faktentreue des Werkes.
Leider wurde der Eindruck im Laufe des Films etwas getrübt. Die Aufarbeitung der Hintergründe der Entstehung der RAF findet überwiegend in Form plakativer linker Parolen statt. Wie aus recht "normalen" Menschen im Laufe weniger Jahre skrupellose Terroristen aus eigener Entscheidung wurden, wird im Film nicht deutlich genug herausgearbeitet. Dazu wahrt der Film dann doch zu viel Abstand von den Menschen hinter den Fahndungsfotos. Auch der Staat wird nur allzu oft als prügelnde Polizeidiktatur dargestellt, mit der etwas überzeichneten Ausnahme der Figur des BKA-Präsidenten Horst Herold.
Bernd Eichinger wollte mit dem Baader Meinhof Komplex ein wichtiges Kapitel deutscher Geschichte denen nahebringen, die spät geboren wurden. Wer sich mit den Ereignissen der späten 60er und der 70er Jahre jedoch kaum oder garnicht auskennt, der wird in seinem Film vieles nicht verstehen. Zu schnell folgen die meist unkommentierten Stichworte aufeinander und dienen nach meinem Eindruck eher als Erinnerungsstimulanz für diejenigen, die es ohnehin wissen.
All das trübt etwas den positiven Ersteindruck. Was mir ganz persönlich aber im Laufe des Films die Laune ziemlich eingetrübt hat, waren die Opfer. Oder vielmehr die Tatsache, dass der Film sie fast vollständig ignoriert.
Die meisten Taten der RAF und der Baader-Meinhof-Gruppe tauchen lediglich als optisch und akkustisch überblendete Randnotizen auf. Die Szenen, die tatsächlich Taten zeigen, portraitieren die Opfer so, wie sie die RAF vermutlich sah: als gesichtslose Marionetten eines faschistischen Staates, als Nicht-Individuen, als Nicht-Menschen.
Die Opfer werden kaum erwähnt - diejenigen, die zurück bleiben, werden vollständig ignoriert. Die unbeschreibliche Zerstörungskraft, die ein einzelner gewaltsamer Tod im Umkreis des Opfers, in seiner Familie, bei seinen Freunden und Kollegen hat, taucht in diesem Film nicht auf. Und das ist sehr schade, da dem Film damit ein wesentlicher Teil der Realität entgeht.
In ihrem offensichtlichen Bestreben, die Sichtweise der Täter darzustellen, sind die Filmemacher nach meiner Auffassung zu weit gegangen. Nur allzuoft scheint die Botschaft des Films ein "eigentlich kann man sie ja verstehen" zu sein. Durch die Einseitigkeit der Darstellung und den oftmals recht schonenden Umgang mit dem Zuschauer bleibt zu viel Spielraum, die RAF, ihrer Mitglieder und ihre Taten zu romantisieren, zu rechtfertigen oder vielleicht sogar zu verherrlichen.
Für mich selbst waren die Greueltaten der RAF ein ständig wiederkehrender Begleiter meiner Kindheit und Jugend. Doch gerade für die Menschen, die mit der RAF-Zeit keine Erinnerungen verbinden, wäre eine ausgewogenere Darstellung der Geschehnisse wichtig gewesen. Wichtig besonders, den Terror nicht von seinen Opfern zu abstrahieren und damit zu verharmlosen, sondern ihn so darzustellen, wie er war und ist: grausam, unnötig und zutiefst unmenschlich.
An dieser Stelle hat der Film versagt - zumindest in meiner persönlichen Erwartungshaltung und Hoffnung. Sehenswert ist er trotzdem. Der wenn auch etwas oberflächliche Blick in die Seele von Extremisten ist, verbunden mit einer durchaus spannenden geschichtlichen Lehrstunde, die Kinokarte allemal wert.
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Kommentare
So, 04.01.2009 21:06
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Do, 25.12.2008 00:01
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Di, 23.12.2008 22:42
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So, 21.12.2008 21:44
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Sa, 20.12.2008 14:14
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